Das Scharbockskraut

Unsere heimischen Blumen im Saarland (Teil XIV)

Ein Beitrag von Dr. Wolfgang Stein

Sind Sie etwa gerade erkältet? Vitamin C soll helfen. Reichlich vorhanden in Citrus-Gewächsen, Paprika, Sauerkraut oder doch lieber in Tablettenform? Was aber nahmen eigentlich unsere Vorfahren vor tausenden Jahren, die all dies noch nicht hatten, um diesem gefährlichen Vitaminmangel nach den winterlichen Entbehrungen zu entgehen? Keine Sorge, auch hierzu ist uns ein Blümchen gewachsen:

Das Scharbockskraut

Das Scharbockskraut

Noch im kalendarischen Winter, kaum dass die Sonne die gefrorene Erde wieder zu erwärmen beginnt, blüht unser Scharbockskraut. Meist in dichten Teppichen bedeckt es ab Februar/März den Boden mit seinen glänzenden Blättern und sternförmigen, gelben Blüten. Dabei liebt es feuchte, schattige Stellen, unter Gebüsch, an Quell- und Bachufern, in Laubwäldern und Flussauen. Verbreitet ist es in ganz Europa und dem Orient.

Sein frühes Erscheinen im Jahr war unseren Urahnen auch bitter nötig, lieferte es doch eine erste vitaminreiche Beikost nach dem langen entbehrungsreichen Winter. Insbesondere der hohe Vitamin-C-Gehalt kam dem zu dieser Zeit oftmals unter Skorbut leidenden Volk zu Gute. Diese Vitamin-C-Mangelerkrankung, im Niederdeutschen noch Scharbûk genannt, hat schließlich Pate bei der Namensgebung der Pflanze gestanden.

Die botanische Wissenschaft bezeichnet sie als „Ficaria verna“ oder „Ranunculus ficaria“. Letzteres verrät auch ihre Zugehörigkeit zu der auch im Saarland mit zahlreichen weiteren Gattungen und Arten vertretenen Pflanzenfamilie der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae). Während sich „verna“ noch einfach aus dem Lateinischen „zum Frühling gehörend“ zuordnen lässt, muss man sich bei „Ficaria“ in den Volksglauben vergangener Zeiten hineindenken. Damals glaubte man nämlich, mit Hilfe der zerstoßenen Pflanze unansehnliche und schmerzende Feigwarzen im Intimbereich behandeln zu können, und nannte das Kraut daher auch „Feigwurz“. Die Feige wiederum heißt im Lateinischen Ficus, woraus sich unser Ficaria ableitet. Übrigens gebrauchte der Germane das Wort „Wurz“ im Allgemeinen wie „Kraut“, also für die ganze Pflanze und nicht nur für die Wurzel, heute noch erkenntlich in unserem „Gewürz“.

Um im Frühjahr zeitig aus den Startlöchern zu kommen, hat sich das Scharbockskraut bereits im Vorjahr unterirdische Wurzelknöllchen als Nährstoffspeicher angelegt. In Form und Größe erinnerten diese unsere Vorfahren an Hämorrhoiden. Im Geiste der sogenannten Signaturenlehre, wonach sich Ähnliches mit Ähnlichem behandeln lässt, hegte man lange Zeit große Hoffnung auf einen diesbezüglich heilsamen Einsatz der Pflanze, den die heutige Wissenschaft dem Kraut allerdings gänzlich abspricht.

Die sternförmige Blüte des Scharbockskrautes

Die im Saarland geläufige Variante des Scharbockskrautes produziert zudem in den Achseln der Laubblätter kleine getreidekornförmige Knöllchen, welche der vegetativen Vermehrung und Ausbreitung der Art dienen. Nach heftigen Regenfällen werden diese zuweilen in einer solchen Menge zusammengespült, dass der Volksmund von einem wahren Getreideregen spricht. Dies erklärt die österreichischen Benennungen Erdgerste, Himmelgerste und Himmelbrot für unsere Pflanze.

Essbar ist das Scharbockskraut allerdings nur unter Vorbehalt. Die jungen Triebe sollen dabei noch einigermaßen genießbar sein, während die ältere Pflanze zunehmend scharfschmeckend und schwach giftig wird. Einige Volksstämme wussten damit wohl ganz gut umzugehen, wie eine weitere Bezeichnung unserer Pflanze als Zigeunersalat* vermuten lässt. Die siebenbürgische Benennung Hänkelsalat geht auf die Vorliebe der Hühner für die jungen Blätter zurück, wobei hier der Name „Hänkel“ dem saarländischen „Hinkel“ schon recht nahe kommt.

Fotos: Charles Reckinger, Luxemburg bzw. Hilke Steinecke, Palmengarten Frankfurt
Text: Wolfgang Stein, Botanischer Garten der UdS

Wenn Dir die Dorfzeitung gefällt, teile diesen Beitrag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.