Die ungeliebte Wespe

Wenn Wespen nicht stechen würden…

…und etwas niedlicher aussähen, dann wären diese Insekten wahrscheinlich sehr beliebte Tiere. Denn Wespen vertilgen wie die allseits geliebten Marienkäfer unzählige Schädlinge und betätigen sich als Aasfresser darüber hinaus als Umweltpolizei. Doch leider hängt den Wespen seit Jahrhunderten das negative Image der „angriffslustigen, stechenden Plagegeister“ an. Kaum eine andere Tiergruppe ist durch Vorurteile und biologisches Halbwissen stärker belastet als die Wespen.

Wie nützlich sind Wespen bei der Reduzierung von Schädlingen?

Sehr nützlich! Soziale Faltenwespen versorgen ihre Brut mit verschiedenen Insektenarten, ein Großteil davon sind Schadinsekten. Durch ihre hohe Nest- und Individuendichte in unserem Siedlungsbereich leisten Wespen einen wichtigen und effektiven Beitrag zur biologischen Schädlingsbekämpfung. Dies mögen ein paar belegte Einzelbeobachtungen veranschaulichen:

  • Ein Hornissenvolk trägt bis zu 500 g Beute pro Tag ein.
  • Innerhalb von 6 Stunden trägt ein Volk der Deutschen Wespe (300 bis 400 Arbeiterinnen) rund 2.500 Fliegen sowie 650 Schnaken und Mücken ein.
  • 60 Hornissenarbeiterinnen erbeuten innerhalb einer Stunde 227 Fliegen.

Die vielen Grabwespenarten in unserer Umgebung haben sich sogar jeweils auf bestimmte Beutetiergruppen, wie zum Beispiel Pflanzenläuse, Rüsselkäfer oder Schmetterlingsraupen spezialisiert und können diese sehr effektiv erbeuten. Grabwespen (Sphecidae) werden zudem als aussagekräftige Indikatorgruppe in der Landschaftsplanung eingesetzt.

Bestäuben Wespen auch Blüten?

Ja! Die hohe Bestäubungsleistung der Wespen ist leider weitgehend unbekannt. Hier werden sonst nur Honigbienen oder Hummeln positiv erwähnt. Doch auch Wespen sind regelmäßige Besucher von Blüten, um dort ihren Eigenbedarf an zuckerhaltiger Nahrung in Form von Nektar zu decken. Mit ihren kurzen Mundwerkzeugen bevorzugen sie Blütenstände mit offen liegenden Nektarien. Einige Pflanzen, wie zum Beispiel der Braunwurz (Scrophularia nodosa) locken durch ihre braunen, fleischfarbenen Blüten und durch bestimmte Duftstoffe Wespen an. In der Blütenökologie werden diese Pflanzen als „Wespenblumen“ bezeichnet. Beim Nektarsammeln in der Blüte bleibt dabei vor allem bei den stark behaarten Faltenwespen Pollen im Haarkleid haften. So sind Wespen trotz fehlender Pollensammeleinrichtungen wichtige Bestäuber für Wild- und Nutzpflanzen.

Biene oder Wespe – Wo liegt der Unterschied?

Bienen sind durch ihre mehr oder weniger starke Körperbehaarung gekennzeichnet, auch wenn bei einigen Arten diese Behaarung recht schütter ausfällt. Die Behaarung dient dem Sammeln von Blütenstaub, der also in besonderen Einrichtungen an der Bauchseite oder an den Beinen transportiert wird. Wespen sind stets haarlos und nackt.

Bienen sind behäbiger, langsamer in den Bewegungen als Wespen und wirken plumper im Habitus. Im Gegensatz zu Wespen müssen sie ihre Beute ja auch nicht jagen. Ihre Färbung ist nicht so deutlich gebändert, eher beige-braun als gelb-schwarz. Die Wespentaille ist weniger deutlich ausgeprägt.

Bienen beziehen Ihr Nahrungseiweiß nur von Blütenstaub, während Wespen ausschließlich tierisches Eiweiß (auch Aas) zu sich nehmen. Kohlenhydrate nehmen die Bienen in Form von Nektar und Honigtau auf, Wespen durch zuckerhaltige Säfte jeder Art.

Können alle Wespen stechen?

Insgesamt sind in Deutschland rund 750 Wespenarten bekannt, bei denen die weiblichen Tiere einen Wehrstachel besitzen. Hinzu kommen mehrere tausend weitere Wespenarten mit einem Legebohrer wie zum Beispiel die parasitischen Schlupfwespen, die für den Menschen völlig ungefährlich sind – denn sie stechen nicht. Eine Giftwirkung auf den Menschen geht fast ausschließlich von den sozialen Faltenwespen aus, von denen in Deutschland nur 12 Arten vorkommen.

Wie gefährlich ist ein Wespenstich?

Die Giftigkeit eines Stiches wird meist stark überschätzt. So injizieren Hornissen pro Stich eine derart geringe Giftmenge, dass mehrere tausend Stiche nötig wären, um einen erwachsenen Menschen alleine aufgrund der Giftwirkung zu gefährden. Dagegen ist das Honigbienengift bedeutend giftiger (etwa um den Faktor 10). Eine Gefahr besteht allerdings nur für die rund zwei Prozent der Bevölkerung, bei denen aufgrund einer vorhandenen Allergie ein anaphylaktischer Schock auftreten kann. Diese Personen müssen nach einem Stich schnellstmöglich einen Arzt aufsuchen. Gleiches gilt auch nach Stichen im Bereich der Atemwege. Wird eine Allergie durch eine ärztliche Untersuchung bestätigt, sorgt das ständige Mitführen entsprechender Gegenmittel für die nötige Sicherheit. In vielen Fällen lassen sich Stiche, die letztendlich eine Verteidigungsreaktion bedrängter Wespen sind, durch entsprechendes Verhalten abwenden. Wespen sind nur in Nestnähe verteidigungsbereit, am Nahrungsplatz sind sie eher scheu und zurückweichend.

Wie kann man Wespenstiche vermeiden?

  • Keine hektischen und schnellen Bewegungen in der Nähe von Wespen und deren Nestern.
  • Weite, wallende und dunkel gefärbte Kleidung wirkt stark beunruhigend auf Wespen.
  • Parfums, Haarsprays oder auch Schweißgeruch können Wespen aggressiv werden lassen. Vanillegeruch hingegen wirkt beruhigend auf Wespen.
  • Barfuß über Rasenflächen und Wiesen zu laufen birgt ein erhöhtes Stichrisiko. Die Gefahr, dabei von einer Wespe gestochen zu werden, besteht jedoch nur ab etwa Mitte September bis Ende Oktober. Das Risiko von Bienen- und Hummelstichen besteht von April bis Ende Oktober.
  • Versuchen Sie vor allem im Spätsommer beim Essen im Freien offene Flaschen zu verschließen und Nahrungsmittel abzudecken.
  • Benutzen sie ggf. ein insektenabwehrendes Mittel.
  • Lassen Sie ausreichend Vorsicht beim Pflücken von Obst und Blumen walten.
  • Verhalten Sie sich in der Nähe von Mülleimern besonders ruhig, bedacht und aufmerksam.
  • Achten Sie bei Gartenarbeiten darauf, dass Sie sich nicht in der Nähe eines Wespennestes befinden. Schützen Sie Ihren Körper durch lange Kleidung und Handschuhe.
  • Meiden Sie den unmittelbaren Nestbereich.

Was ist zu tun, wenn man gestochen worden ist?

  • Kühlen Sie sofort die Einstichstelle.
  • Tragen Sie Insektenstichsalben auf.
  • Suchen Sie bei echten allergischen Reaktionen (u. a. bis hin zum anaphylaktischen Schock) sofort einen Arzt auf. Starke Schmerzen oder mittelgroße Schwellungen bedeuten noch keine allergische Reaktion! Diese liegt vor, wenn Symptome wie zum Beispiel Übelkeit, Schwindelgefühl, Krämpfe, Heiserkeit, Atemnot, Herzrasen, Blutdruckabfall und Ähnliches vorliegen.
  • Allergiker sollten immer entsprechende Notfallmedikamente, die vom Arzt verschrieben werden können, bei sich tragen.
  • Suchen Sie bei einem Stich im Mund- und Rachenbereich sofort einen Arzt auf und versuchen Sie, die Stichstelle zu kühlen.
  • Wenn Sie sich in der Nähe eines Nestes befinden, sollten Sie sich schnell, aber ruhig entfernen, um nicht noch zusätzliche Stiche durch weitere alarmierte Wespen zu riskieren.

Wie lange lebt ein Wespenvolk?

Sämtliche heimische Wespenvölker existieren nur ein Jahr. Nach dem Absterben des Volkes überwintern die begatteten jungen Königinnen und gründen im nächsten Frühjahr ein neues Volk. In seltenen Fällen können Nester in unmittelbarer Nachbarschaft des alten Standortes (z. B. in Dachhohlräumen) gebaut werden, sodass man zu der falschen Vermutung gelangen kann, es handle sich hier um ein mehrjähriges Wespenvolk.

Die meisten Arten beenden ihre Volksentwicklung schon Ende August/Anfang September. Nur die Hornisse, die Deutsche Wespe sowie die Gemeine Wespe haben einen längeren Nestzyklus. Die Völker dieser Arten sterben erst im Herbst mit dem ersten Frost ab. In warmen, trockenen Wintern können einzelne Hornissen auch noch im Dezember auftreten. Nur in tropischen Klimaten können Großvölker mit mehreren Königinnen über viele Jahre bestehen (bei der Deutschen und Gemeinen Wespe).

Wann ist es sinnvoll, ein Wespennest zu entfernen?

Nur in Ausnahmefällen ist eine Nestumsiedlung oder gar eine Nestvernichtung durch einen Fachmann gerechtfertigt. Eine Beurteilung der Notwendigkeit erfolgt durch die Naturschutzbehörden und durch sie bestellte Wespenbetreuer.

Autor: Rolf Witt

© aid

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